Total Recall – Schwarzenegger ohne Erinnerung

Paul Verhoevens Science-Fiction-Hit nach Story von Philip K. Dick

01.12.2009 Rainer Innreiter

Arnold Schwarzenegger terminiert unter der Regie von Paul Verhoeven ("Starship Troopers") auf dem Mars. "Total Recall" hinterfragte Jahre vor "Matrix" die Realität

Mit „Total Recall“ trieb der umstrittene niederländische Regisseur Paul Verhoeven das Spiel mit der Realität auf die Spitze. Der auf einer kongenialen Vorlage des Science-Fiction-Genies Philip K. Dick basierende Actionhit vermischte die Ebenen der Realität dermaßen gekonnt, bis selbst Protagonist Douglas Quaid (Arnold Schwarzenegger) nicht mehr weiß, ob er einen besonders intensiven Traum lebt oder tatsächlich das Abenteuer seines Lebens mit Bravour besteht. Trotz der naiv-fröhlichen Optik wirkt „Total Recall“ wie eine höchst unterhaltsame Vorstudie zu „Matrix“.

Die totale Erinnerung als Illusion des Verwirrten

In naher Zukunft: Douglas Quaid (Arnold Schwarzenegger) verdient sich seine Brötchen als Bauarbeiter, ist mit der wunderschönen Lori (Sharon Stone) verheiratet und bewohnt ein hübsches Apartment. Dennoch quält den muskulösen Quaid die Unzufriedenheit: In seinen Träumen sieht er sich als Held auf dem mittlerweile kolonisierten Mars, statt als unbedeutenden Arbeiter auf der Erde.

Die Versprechungen der Firma „Rekall“ kommen ihm gerade recht: Ein Erinnerungsimplantat soll ihm die perfekte Illusion eines Abenteuers auf dem Mars vorgaukeln, in dessen Verlauf er als von allen Seiten gehetzter Geheimagent den dort herrschenden Diktator Cohagen (Ronny Cox) bekämpft und zum umjubelten Helden mutiert. Doch bei dem Eingriff stellt sich heraus, dass Quaid offenbar tatsächlich Geheimagent ist, dessen gesamtes Leben als verheirateter Bauarbeiter eine falsche Erinnerung ist.

Stunden später wacht Quaid in einem Taxi zu seinem Apartment auf. Er kann sich an die Ereignisse der letzten Stunden nicht mehr erinnern. Und was viel schlimmer wiegt: Plötzlich trachten ihm unzählige Menschen nach dem Leben, darunter sein bester Kumpel. Bald kristallisiert sich heraus, dass die Quelle seiner Probleme auf dem Mars zu finden ist …

„Matrix“ im Stile Paul Verhoevens

Die Handlung von „Total Recall“ ist gleichermaßen einfach wie komplex. Ein futuristischer James Bond, der reihenweise übermächtig scheinende Gegner aufmischt, die Dame seines Herzens gewinnt und zum Helden avanciert, stellt keinen herausragenden Plot dar. Doch Paul Verhoeven, der wenige Jahre später mit „Starship Troopers“ einen weiteren, diesmal heftig umstrittenen Klassiker der Science Fiction schuf, begnügt sich nicht mit dieser Handlungsebene allein.

Sein Douglas Quaid ist ein heillos Verwirrter, der längst nicht mehr weiß, ob sein Spiegelbild die Realität oder doch nur eine künstliche Variante davon reflektiert. Damit nicht genug konfrontiert er ihn mit ständigen Selbstzweifeln und der erschreckenden Aussicht, immer tiefer in den Strudel des Wahnsinns zu gleiten. Selten zuvor, wie auch danach, wurde das Wesen der Realität unterhaltsamer ausgeleuchtet als in „Total Recall“. Fast ein Jahrzehnt vor dem bahnbrechenden „Matrix“ befasste sich Verhoevens Film mit philosophischen Themen im Gewand einer Science-Fiction-Parabel.

Geniale Verfilmung einer Kurzgeschichte von Philip K. Dick

Dabei schafft der gebürtige Niederländer den schwierigen Spagat zwischen Kunst und Kommerz: Unter der sündhaft teuren Oberfläche des Special-Effects-Gewitters „Total Recall“ verbirgt sich eine ernsthafte Auseinandersetzung mit einer der zentralen Fragen der Philosophie seit jeher: Was ist Realität? Eine Frage, der sich gerade der US-Autor Philip K. Dick verschrieben hatte. In hunderten Kurzgeschichten und Romanen befasste er sich weitestgehend mit diesem Themenkomplex.

Eine dieser Geschichten, „Erinnerungen en gros“ (Originaltitel: „We Can Remember It For You Wholesale“) stellte den Grundstein zur Leinwandadaption dar. Freilich: Von Dicks verstörendem, nachgerade unheimlichem Kurztrip in die Abgründe der Erinnerung wie auch der Menschlichkeit, ist in Paul Verhoevens Version kaum etwas übrig geblieben. Wie schon etwa bei „Blade Runner“ oder „Minority Report“ diente eine Geschichte des herausragenden Autors formell als Vorlage, ohne werkgetreu verfilmt worden zu sein. Im Falle von „Total Recall“ erwächst dem Zuschauer kein Nachteil daraus, im Gegenteil, stellt der mit einem „Oscar“ für die Effekte ausgezeichnete Streifen doch höchst intelligentes Science-Fiction-Kino mit anspruchsvollem Plot dar.

Arnold Schwarzenegger terminiert auf dem Mars

Klarerweise steht und fällt ein Film mit den schauspielerischen Leistungen. Arnold Schwarzenegger übt in der Hauptrolle des Douglas Quaid jenes Handwerk aus, das er zumindest auf der Leinwand beherrscht wie kein zweiter Actionheld: Dank seiner Muskelkraft terminiert er sowohl auf der Erde, als auch auf dem Mars reihenweise Gegner und serviert dazu meist noch einen süffisanten One-Liner.

Seine Filmfrau Lori gibt Sharon Stone mit ganzem Einsatz ihres attraktiven Körpers.

Den obligatorischen Antagonisten verkörpert Michael Ironside, der unter anderem in „Starship Troopers“ eine auf ihn zugeschnittene zwielichtige Rolle spielt. Dank seiner charismatischen Erscheinung dominiert er zahlreiche Szenen.

Science-Fiction-Klassiker ohne Ablaufdatum

Trotz des Alters hat „Total Recall“ nichts von seiner Faszination eingebüßt und überzeugt nach wie vor durch seine ausgeklügelte Story samt verblüffenden Plotwendungen. Immer wieder schafft es Verhoevens Film den Zuschauer zu überraschen, ohne ihn völlig vor den Kopf zu stoßen. Auch dank des futuristischen und dennoch bodenständigen Designs stellt der Streifen einen der wenigen Science-Fiction-Klassiker ohne merkbares Ablaufdatum dar.

Sieben Jahre später legte Verhoeven „Starship Troopers“ nach, der auf einer Vorlage „Robert A. Heinleins basierte und vor allem in Deutschland heftig umstritten war und ist. Immerhin sorgten „Total Recall“ wie auch „Starship Troopers“ für Diskussionen und eingehende Auseinandersetzungen mit den Filminhalten, was gerade im meist harmlosen Science-Fiction-Kino der Gegenwart kaum noch der Fall ist. Eigentlich schade, wie besagte Filme auch nach vielen Jahren noch eindrucksvoll beweisen.

Originaltitel: „Total Recall“

Regie: Paul Verhoeven

Produktionsland und -jahr: USA 1990

Filmlänge: ca. 115 Minuten

Verleih: Kinowelt

Deutscher Kinostart: 26.07.1990

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